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Matriarchat

Matriarchate sind nicht die spiegelbildliche Umkehrung von Patriarchaten, indem dort Frauen über Männer herrschen – wie es das gängige Vorurteil will. Matriarchate sind stattdessen mutter-zentrierte Gesellschaften, und sie bauen auf mütterlichen Werten auf: Pflegen, Nähren, Fürsorge, Friedenssicherung, d. h. Mütterlichkeit im weitesten Sinne. Diese Werte gelten für alle, für Mütter und Nicht-Mütter, für Frauen und Männer gleichermaßen.

 

Was ist eine matriarchale Gesellschaft?
(Definition "Matriarchat" von Heide Göttner-Abendroth)

 

In matriarchalen Gesellschaften meint „Gleichheit“ nicht das Gleichmachen von Unterschieden. Natürliche Unterschiede, die zwischen den Geschlechtern und Generationen bestehen, werden respektiert und geehrt, aber sie werden nicht benutzt, um Hierarchien zu schaffen (egalitäre Gesellschaft). 

Das kann auf allen Ebenen der Gesellschaft beobachtet werden:

 

Auf der ökonomischen Ebene haben Matriarchate Subsistenzwirtschaft mit lokaler oder regionaler Unabhängigkeit. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrecht; Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt. Die Frauen haben die wesentlichen Lebensgüter in den Händen: Felder, Häuser, Nahrungsmittel. Die Sippenmutter verwaltet die Güter und verteilt sie gleichmäßig an die Clanmitglieder.

Das Ideal ist Verteilung und nicht Akkumulation.  Vorteile und Nachteile beim Erwerb von Gütern werden bei den zahlreichen Festen ausgeglichen. So laden wohlhabende Clans bei einem Fest das ganze Dorf/Stadtviertel ein, und beim nächsten Fest ist ein anderer wohlhabender Clan an der Reihe. Durch diese Ökonomie des Schenkens sind die Güter in lebhaftem Kreislauf und werden nicht einseitig gehortet. Das geschieht in perfekter Gegenseitigkeit und gleicht die Ökonomie aus: Matriarchate als ökonomische Ausgleichsgesellschaften.


Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Die Menschen leben in Sippen zusammen, die der mütterlichen Verwandtschaftslinie folgen („Matrilinearität“). Das heißt, der Clanname und alle sozialen Würden werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein Matri-Clan, bestehend aus der Clanmutter, ihren Töchtern und Söhnen, ihren Enkeln und Enkelinnen, lebt im großen Clanhaus oder in einer Gruppe von Nachbarhäusern zusammen („Matrilokalität“).

Töchter und Söhne bleiben immer im Mutterhaus wohnen. Bei Liebesbeziehungen oder Heiraten gehen sie über Nacht oder für eine kurze Zeitspanne zu den Clanhäusern, wo ihre Liebsten wohnen und kehren regelmäßig zurück ins Mutterhaus („Besuchs-Ehe“). Die Kinder gehören zu den Müttern, sie tragen den Clannamen der Mutter. Die Mutterbrüder betrachten die Kinder der Schwestern als "ihre Kinder", da sie denselben Clannamen tragen, und wenden ihnen Fürsorge und Miterziehung zu (soziale statt biologischer Vaterschaft, die unbekannt oder unbedeutend ist).

Die matriarchalen Clans sind durch ein Netz von Verwandtschaftslinien miteinander verbunden und bilden eine egalitäre Gesellschaft: Matriarchate als matrilineare Verwandtschaftsgesellschaften. 

 

Auf der politischen Ebene fallen Entscheidungen nur durch Konsens, d. h. durch Einstimmigkeit. Die Konsensfindung beginnt als Beratung in den die einzelnen Clanhäusern und wird je nach Bedarf auf der Dorfebene oder regionalen Ebene weitergeführt.

Bei einer Entscheidung, die das ganze Dorf angeht, treffen sich gewählte Sprecher der einzelnen Clanhäuser (Delegierte) im Dorfrat. Sie fällen keine Entscheidungen, sondern tauschen  nur miteinander aus, was in den einzelnen Clanhäusern beschlossen wurde. Sie gehen als diese Informationsträger so lange zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser den Konsens gefunden haben. 

Dasselbe gilt auch auf regionaler Ebene: Hier werden die Entscheidungen der Clanhäuser aller Dörfer und Städte von gewählten Sprechern im regionalen Rat koordiniert, bis die Region Einstimmigkeit zu einem Problem gefunden hat. Dieses System von Räten funktioniert daher „basisdemokratisch“ und zeigt Matriarchate als egalitäre Konsensgesellschaften.

 

Auf der kulturellen Ebene haben matriarchale Gesellschaften reiche religiöse und weltanschauliche Systeme. Grundlegend ist der Wiedergebrutsglaube. Wie die Menschen im Kosmos und auf der Erde alles wiederkehren sehen, so verstehen sie auch das menschliche Dasein als ein Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Jedes Clanmitglied wird nach ihrer Auffassung im selben Clanhaus durch die jungen Frauen des Clans wiedergeboren. In diesem Sinne gelten die Kinder als die wiedergeborenen Ahnen und Ahninnen der Sippe.

Die Erde wird als die Große Mutter verehrt, ebenso eine Himmelsgöttin als Schöpferin des Universums. Himmel und Erde sind zusammen die „Welt“, worin die Menschen eingebettet sind. Als „Frau Welt“ ist sie weiblich-göttlich, ein transzendenter Gott wird nicht benötigt. In ihren Festen, die dem Jahreszeitenzyklus und anderen natürlichen Rhythmen folgen, wird die göttliche Welt in allen ihren Erscheinungen vom Größten bis zum Kleinsten gefeiert: Matriarchate als sakrale Gesellschaften und Göttinkulturen.

 

 

 

Lesen Sie mehr zu konkreten matriarchalen Gesellschaften von heute in:

Heide  Göttner-Abendroth:

Das Matriarchat II,1: Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien

Das Matriarchat II,2: Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika

Verlag Kohlhammer, Stuttgart 1991/1999 und 2000