Internationale Akademie HAGIA - Akademie für Matriarchatsforschung Internationale Akademie HAGIA - Akademie für Matriarchatsforschung Internationale Akademie HAGIA - Akademie für Matriarchatsforschung
de
 
 

Internationale Akademie HAGIA
Weghof 2
D-94577 Winzer

Telefon/Fax +49 (0)8545 1245
www.hagia.de
AkademieHagia@aol.com

Matriarchat

Matriarchate sind nicht die spiegelbildliche Umkehrung von Patriarchaten, indem dort Frauen über Männer herrschen – wie es das gängige Vorurteil will. Matriarchate sind stattdessen mutter-zentrierte Gesellschaften, und sie bauen auf mütterlichen Werten auf: Pflegen, Nähren, Fürsorge, Friedenssicherung, d. h. Mütterlichkeit im weitesten Sinne. Diese Werte gelten für alle, für Mütter und Nicht-Mütter, für Frauen und Männer gleichermaßen.

Matriarchate sind bewusst auf diesen mütterlichen Werten und mütterlicher Arbeit aufgebaut. Da diese die Basis jeder Gesellschaft darstellen, sind sie realistischer als patriarchale Gesellschaften. Sie sind grundsätzlich bedürfnis-orientiert. Ihre Regeln zielen daraufhin, die Bedürfnisse aller Menschen am besten zu erfüllen. Auf diese Weise wird „mothering“ (Muttersein und mütterliche Haltung) von einer biologischen Tatsache in eine kulturelles Modell umgewandelt. Dieses Modell entspricht der menschlichen Befindlichkeit weitaus besser als die Art, wie Patriarchate Mutterschaft begreifen und missbrauchen.

 

Die Tiefenstruktur der matriarchalen Gesellschaft (strukturelle Definition):

In matriarchalen Gesellschaften meint „Gleichheit“ nicht das Gleichmachen von Unterschieden. Natürliche Unterschiede, die zwischen den Geschlechtern und Generationen bestehen, werden respektiert und geehrt, aber niemals werden sie benutzt, um Hierarchien zu schaffen, wie es in Patriarchaten üblich ist. Die verschiedenen Geschlechter und Generationen haben ihre je eigene Würde, und durch komplementäre Arbeits- und Aktionsbereiche sind sie aufeinander bezogen und handeln gemeinschaftlich. Matriarchale Gesellschaften sind deswegen, genauer gesagt, Gesellschaften mit komplementärer Gleichheit oder „Gleichwertigkeit“ bei allen Unterschieden, wobei sehr darauf geachtet wird, die gesellschaftliche Balance zu bewahren.

Das kann auf allen Ebenen der Gesellschaft beobachtet werden:

  • der ökonomischen Ebene,
  • der sozialen Ebene,
  • der politischen Ebene,
  • der kulturellen Ebene.

 

Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate häufig, aber nicht ausschließlich  Ackerbaugesellschaften. Es gibt auch matriarchale Viehzüchtergesellschaften und matriarchale Stadtgesellschaften. Die Technologien beim Ackerbaus reichen von einfachem Gartenbau zum entwickelten Ackerbau mit dem Pflug bis zu den komplizierten Bewässerungs-Systemen der frühesten Stadtkulturen weltweit.

 

Es wird Subsistenzwirtschaft mit lokaler oder regionaler Unabhängigkeit praktiziert. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrecht; Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt. Die Frauen haben die wesentlichen Lebensgüter in den Händen: Felder, Häuser, Nahrungsmittel, dabei ist die Sippenmutter die Verwalterin des Clanschatzes.

 

Die Güter sind in einem lebhaften Kreislauf, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln folgt. Dieses System des Kreislaufs verhindert, das Güter bei einem Clan oder bei einer Person angehäuft (akkumuliert) werden können. Das Ideal ist Verteilung und nicht Akkumulation.  Vorteile und Nachteile beim Erwerb von Gütern werden durch soziale Regeln ausgeglichen, z. B. laden wohlhabende Clans bei den zahlreichen, gemeinschaftlichen Festen das ganze Dorf/Stadtviertel ein, was den Reichtum dieser Clans drastisch vermindert. Dafür haben sie „Ehre“, d.h. soziales Ansehen, gewonnen. In diesem Sinne beruht die Ökonomie im Clan und im Dorf auf einem Kreislauf des Schenkens.

 

Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate  gekennzeichnet von perfekter Gegenseitigkeit. Ich definiere sie deshalb als Ausgleichsgesellschaften, auf der Basis einer Ökonomie des Schenkens.

 

 

Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Matriarchale Menschen leben in großen Sippen zusammen, die nach dem Prinzip der Matrilinearität, der Verwandtschaft in der Mutterlinie, aufgebaut sind. Der Clanname, alle sozialen Würden und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein solcher Matri-Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: die Clanmutter und ihre Schwestern, deren Töchter und Enkelinnen; hinzu kommen die direkt verwandten Männer: die Brüder der Clanmutter, die Söhne und Enkel der Clanmutter und ihrer Schwestern.

 

Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen, das ein Dutzend oder Hunderte von Personen je nach Größe und architektonischem Stil umfassen kann. Die Frauen leben permanent hier, denn Töchter und Enkelinnen verlassen niemals das mütterliche Clanhaus, wenn sie heiraten. Man nennt dies Matrilokalität.


Auch die jungen Männer des Clans verlassen das Mutterhaus nicht, wenn sie heiraten oder Liebesbeziehungen haben. Sie gehen nur zu den benachbarten Clanhäusern, wo ihre Gattinnen oder Liebsten wohnen, bleiben über Nacht und kehren am Morgen wieder zurück ins Mutterhaus. Diese Form der Ehe wird Besuchsehe genannt, sie ist eine sehr offene Form.

Die Kinder gehören zu den Müttern und deren Clan, sie tragen den Clannamen der Mutter. Die Gatten oder Geliebten betrachten diese Kinder nicht als „ihre Kinder“, da sie nicht denselben Clannamen tragen wie sie. Hingegen haben die Schwesterkinder denselben Clannamen, daher betrachten Männer ihre Nichten und Neffen als „ihre Kinder“, denen sie Fürsorglichkeit und Mitverantwortung zuwenden. Die biologische Vaterschaft in unserem Sinne ist unbekannt oder spielt als sozialer Faktor keine Rolle. Männer üben hingegen bei den Schwesterkindern eine Art sozialer Vaterschaft aus.

 

Die matriarchalen Clans sind durch komplexe Heiratsregeln untereinander verbunden. Es entsteht daraus ein Netz von Verwandtschaftslinien, die alle Mitglieder der Siedlung enger oder ferner miteinander verwandt sein lassen. Diese Verwandtschaft stellt ein gegenseitiges Hilfssystem nach festen Regeln dar. Zusätzlich können sich Frauen und Männer in Liebesbeziehungen ihrer freien Wahl einlassen; in sexueller Hinsicht haben Männer und Frauen große Freiheit.

 

Auf diese Weise wird eine nicht-hierarchisch organisierte, egalitäre Gesellschaft erzeugt, die sich als großer Clan mit allen wechselseitigen Hilfsverpflichtungen versteht. Matriarchate definiere ich deshalb auf der sozialen Ebene als matrilineare  Verwandtschaftsgesellschaften.

 

 

Auf der politischen Ebene sind die Prozesse der Entscheidungsfindung ebenfalls entlang den Verwandtschaftslinien organisiert. Entscheidungen fallen nur  durch Konsens, d. h. durch Einstimmigkeit.

 

Basis jeder Entscheidungsfindung sind die einzelnen Clanhäuser mit allen, die darin leben. Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von den Frauen und Männern im häuslichen Rat entschieden. Kein Haushaltsmitglied darf mit seiner Stimme ausgeschlossen werden, Kinder sind ab ca. 13 Jahren Clanmitglieder mit vollem Stimmrecht. Dasselbe gilt für Entscheidungen, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im Clanhaus  treffen sich gewählte Delegierte der einzelnen Clanhäuser, die ihren Clan nach außen vertreten, im Dorfrat. Diese Delegierten sind keine Entscheidungsträger, sondern nur Informationsträger; sie tauschen  miteinander aus, was in den einzelnen Clanhäusern beschlossen wurde. Sie halten das Kommunikationssystem im Dorf aufrecht und gehen so lange zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser auf Dorfebene den Konsens gefunden haben.

 

Dasselbe gilt auch auf regionaler Ebene: Hier werden die Entscheidungen der Dörfer und Städte von gewählten Delegierten, welche die Informationen austauschen, im regionalen Rat koordiniert. Auch hier gehen die Delegierten zwischen Dorfrat und regionalem Rat solange hin und her, bis die Region durch alle Clanhäuser aller Siedlungen ihre Entscheidung im Konsens gefunden hat.

 

In einer solchen Gesellschaft können sich Hierarchien und Klassen nicht bilden, auch kein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und den Generationen. Minderheiten werden nicht durch Mehrheitsentscheidungen ausgegrenzt, denn politische Entscheidungen fallen sozusagen „basisdemokratisch“.

 

Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften.

 

 

Auf der kulturellen Ebene kann man diese Gesellschaften nicht als solche mit „Naturreligion“, „Animismus“ und „Fruchtbarkeitskult“ charakterisieren, solche Begriffe sind nicht nur abwertend, sondern auch falsch. Denn dabei wird nicht deutlich, dass sie komplexe, religiöse und weltanschauliche Systeme besitzen.

 

Eine grundlegende Vorstellung vom Leben und vom Kosmos ist der Wiedergeburtsglaube. So wie sie im Kosmos und auf der Erde alles wiederkehren sehen, verstehen sie auch die menschliche Existenz in Zyklen von Leben, Tod und Wiedergeburt. Dabei wird Wiedergeburt sehr konkret verstanden: Jedes Clanmitglied wird nach ihrer Auffassung im selben Clanhaus durch die jungen Frauen des Clans wiedergeboren. In diesem Sinne gelten die Kinder als die wiedergeborenen Ahnen und Ahninnen der Sippe und sind heilig. Frauen werden nicht nur dafür geehrt, dass sie die Lebensschöpferinnen und Ernährerinnen sind, sondern besonders dafür, dass sie die Wiedergebärerinnen sind, Tod also in Leben umwandeln können.

 

Das haben sie von der Erde abgeschaut, denn die Erde als die Große Mutter bewirkt ständig die Wiedergeburt aller Wesen und die Ernährung allen Lebens. Sie ist die eine Urgöttin, die andere Urgöttin ist die kosmische Göttin als Schöpferin des Universums. Denn auch am Himmel bewegen sich die Gestirne zyklisch in Aufgang und Untergang, wobei auf jeden Untergang ein neuer Aufgang folgt. Himmel und Erde sind zusammen die „Welt“, in welche die Menschen immer eingebettet sind. Als „Frau Welt“ ist sie weiblich-göttlich. Der matriarchale Begriff von Göttlichkeit ist daher immanent, nicht transzendent. Alles besitzt Göttlichkeit, das kleinste Wesen und der größte Stern, jede Frau und jeder Mann. Matriarchale Kulturen kennen deshalb nicht das dualistische Denken in Gegensätzen von „Mensch“ vs. „Natur“, „Geist“ vs. „Natur“ oder „Gesellschaft“ vs. „Natur“, das zur Abwertung und Ausbeutung der Natur als bloßer „Ressource“ geführt hat.

 

In ihren Festen, die dem Jahreszeitenzyklus und anderen natürlichen Rhythmen folgen, wird die göttliche Welt in allen ihren Erscheinungen vom Größten bis zum Kleinsten gefeiert. Doch auch im Alltag ist jede praktische Handlung, wie z. B. Säen, Ernten, Kochen, Weben, zugleich ein bedeutungsvolles Ritual. Da alles in der Welt göttlich ist, kennen matriarchale Kulturen keine Trennung zwischen dem Profanen und dem Sakralen,

Auf der kulturellen Ebene definiere ich Matriarchate deshalb als sakrale Gesellschaften und Göttinkulturen.

 

 

Lesen Sie mehr in:

 

Zu den konkreten matriarchalen Gesellschaften von heute

Heide  Göttner-Abendroth:

Das Matriarchat II,1: Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien

Das Matriarchat II,2: Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika

Verlag Kohlhammer, Stuttgart 1991/1999 und 2000